soziales-wissen - Der pädagogische Bezug nach Herman Nohl
   
  Soziales-Wissen.de.tl
  Wer sind wir?
  AD(H)S
  Aggression im Kindesalter
  Adipositas
  Anorexia nervosa
  Asperger-Syndrom
  Bulimia nervosa
  Burnout Syndrom
  Case Management
  Checkliste Beziehungsgestaltung mit Kind
  Das Therapeutische Milieu nach Fritz Redl
  Depression
  Der pädagogische Bezug nach Herman Nohl
  Diabetes
  Didaktik
  Dyskalkulie: Rechenstörung im Jugendalter
  Empowerment
  Fachwörterverzeichnis
  Essstörungen - eine Übersicht
  Kinder, die hassen
  Kinderpsychopathologie
  Klassische und aktuelle Theorien der Sozialen Arbeit
  Kommunikationsquadrat n. Schulz von Thun
  Macht und Ohnmacht bei Verweigerungen
  Milieutherapie nach Edgar Heim
  Mutismus
  Risikogesellschaft und Jugend
  Selbstwert
  Soziale Arbeit - Definition
  Sozialpädagogik - stellvertretende Lebensräume
  Strafe als Erziehungsmassnahme aus systemischer Sicht
  Themenzentrierte Interaktion
  Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen
  Wer war Alice Salomon?
  Gästebuch

Der pädagogische Bezug nach Herman Nohl


Entstehung und Begriff des pädagogischen Bezuges bei Herman Nohl
Insbesondere mit Blick auf die Begriffsbildung zum Phänomen zwischenmenschlicher Vorgänge im Erziehungs- und Bildungsprozess ist der Beitrag von Herman Nohl von richtungsweisender Bedeutung. Der von ihm gewählte Titel "Pädagogischer Bezug" gilt bis heute als Terminus technicus (vgl. Lee 1989, S. 21).
Erste Gedanken zu einem spezifischen erzieherischen Verhältnis entwickelt Nohl schon 1914 im Aufsatz "Das Verhältnis der Generationen in der Pädagogik", der gleichsam als Antwort zu verstehen ist auf eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene "... Jugendbewegung (Wandervogel und Freideutsche Jugend), die den Anspruch erhoben hatte, dass die Jugend sich selbst organisieren und erziehen könne" (Giesecke 1997). Für Nohl bleibt, trotz des Eigenrechtes des Kindes und des Jugendlichen, ein erzieherisch relevantes Verhältnis zwischen den Generationen erforderlich. Viele Kenntnisse und Erfahrungen der heranwachsenden Generation gründen auf der unmittelbaren und persönlichen Begegnung mit der älteren Generation. "--- in dem Verhältnis der beiden Generationen zueinander (ist) die eigentliche Grundlage der pädagogischen Arbeit gelegenweil nicht was sie lehrt, sondern eben dieses reale Verhältnis selber ihr tiefster Gehalt und ihre letzte Bedingung ist..." (Nohl 1929, S. 112).

Den konkreten Begriff des Pädagogischen Bezuges benutzt Nohl hier zunächst noch nicht. Diese Bezeichnung taucht erstmals in den "Sozialpädagogischen Vorträgen" (vgl. Nohl 1927) aus den Jahren 1924 und 1925 auf, dabei jedoch noch ohne inhaltliche Präzisierung. In dem 1924 gehaltenen Vortrag "Die Pädagogik der Verwahrlosten" nennt Nohl (vgl. 1927, S. 102), neben Anlage und Milieu, den Pädagogischen Bezug als mögliche Ursache für Verwahrlosung 1925 fordert er zu einer unbedingten Seelenverbundenheit mit dem Jugendlichen in der Reifezeit, heute sprechen wir von Adoleszenz, auf: "Diese Seelenverbundenheit bleibt einem aber nur, wenn man den pädagogischen Bezug zur rechten Zeit immer wieder gemäss der Entwicklung des Kindes umgestaltet, dem Geltungswillen den Jugendlichen und seinem Verlangen nach Selbständigkeit Rechnung trägt und seine neue Geistigkeit mit der Kost nährt, die sie verlangt". Nohl nennt hier bereits Bedingungen des Pädagogischen Bezuges, ohne das Phänomen des Bezuges selbst inhaltlich zu klären.

In dem 1926 erschienen Aufsatz "Gedanken für die Erziehungstätigkeit des Einzelnen mit besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen von Freud und Adler" verdichten sich Nohls Vorstellungen vom Pädagogischen Bezug. Hier erkennt er, ".. dass das letzte Geheimnis der pädagogischen Arbeit der richtige pädagogische Bezug ist, das heisst das eigene schöpferische Verhältnis, das Erzieher und Zögling verbindet" (Nohl 1927, S. 153). Dieses auf Merkmale wie Liebe, Vertrauen und Achtung aufbauende Verhältnis ist für Nohl (ebd.) "... die Voraussetzung jeder fruchtbaren pädagogischen Arbeit".

In seinem erstmals 1935 erschienen Hauptwerk "Die pädagogische Bewegung in Deutschland und ihre Theorie" widmet Nohl dem pädagogischen Bezug ein eigenes Kapitel. Hier findet sich die im Zusammenhang mit dem Thema des erzieherischen Verhältnisses wohl am häufigsten zitierte Aussage: "Die Grundlage der Erziehung ist also das leidenschaftliche Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen, und zwar um seiner selbst willen, dass er zu seinem Leben und seiner Form komme" (Nohl 1970, S. 134). Diese Beschreibung des pädagogischen Bezuges lässt drei Rückschlüsse zu:
  • Das Verhältnis des Erziehers zum Zögling ist von Leidenschaft geprägt, hat also eine emotionale Komponente.
  • Es geht um das Verhältnis eines reifen Menschen zu einem werdenden Menschen. Der pädagogische Bezug geht also grundsätzlich von einem unterschiedlichen Entwicklungsniveau aus und fordert darüber hinaus auf Seiten des Erziehers einen Zustand der Reife.
  • Der pädagogische Bezug ist auf das "Selbst" des Zöglings hin ausgerichtet. Erzieherisches Handeln leitet sich also weniger aus externen Zielen und Zwecken ab, sondern orientiert sich primär am Zögling.
Prof. Dr. T. Lockenvitz


Der Pädagogische Bezug in der Sozialpädagogischen Arbeit heute:
Des deutschen Sozialpädagogen Hermann Nohl’s (1933) Grundformel „Nicht die Probleme, die der Jugendliche macht, sondern die die er hat, haben die Sozialpädagogik zu interessieren“, findet man oft als Grundlage zum Verständnis der Lebensweltorientierung-Theorie in der Sozialpädagogik. Nohl definierte den Begriff des Pädagogischen Bezugs und meinte damit, dass in der Entwicklungsdimension des Jugendalters eine pädagogische Aufforderungsstruktur enthalten sei. Diese richte sich sowohl an der Gleichaltrigen-, wie auch an der Erwachsenenperspektive aus. Viele Sozialpädagogen hätten die Erfahrung gemacht, dass sie von den Jugendlichen als Erwachsene gesucht werden, die die Jugendlichen in ihrer jugendkulturellen Eigenart verstehen und belassen können, ihnen allerdings trotzdem als zu respektierende Erwachsenen begegnen. Die Jugendlichen möchten sie an diesen Erwachsenen orientieren, beobachten und für sich übersetzen. Wie verhält sich der Sozialpädagoge in Konfliktsituationen? Gegenüber seinen Partnern? Welche Standpunkte bezieht er? Der pädagogische Bezug darf allerdings nicht fälschlich als Kumpelrolle zwischen dem Jugendlichen und dem Sozialpädagogen ausgelegt werden, sondern muss als professionelles und reflektiertes „Nähe und Distanz-Verhältnis“ verstanden werden. (vgl. Böhnisch, Rudolph, Wolf, 1998, S. 161)

 

4.1 Zentrale These
Die besondere pädagogische Entwicklungsgesetzlichkeit des Jugendalters bestehe darin, dass Jugendliche über ihre Jugend einen noch nicht gekannten, aber entwicklungsthematisch erahnten Erwachsenenstatus anstreben und dazu die eigenständige Jugendkultur sowie die Erwachsenen gleichermassen benötigen würden, so Nohls zentrale Aussage. (vgl. Böhnisch, 2001, S. 187). Die Frage ist also, wie sich die Jugendlichen von der Erwachsenenwelt abgrenzen, allerdings auch wo sie die Erwachsenennormen teilen. Die für die Sozialpädagogik wichtige Erkenntnis daraus lautet, dass das Jugendalter immer gleichzeitig auf zwei Ebenen thematisiert werden muss: Auf der Ebene der Jugendkultur sowie auf der Ebene des Erwachsenwerdens.

„Die pädagogische Interaktion ist also von seitens der Sozialpädagogen nicht nur funktional ausgerichtet, sondern ist Teilhabe der Erwachsenen an der Entwicklungsthematik Jugend wie Teilhabe des Jugendlichen an der Thematik des Erwachsenseins in einer sensiblen Balance von jugendkultureller Distanz und personaler Nähe“ (vgl. Böhnisch, 2001, S. 162).
„Gerade in der Gewaltthematik wo es bei Jugendlichen um massive Probleme des Nichtgebrauchtwerdens und der psychosozialen Orientierung geht, stossen wir heute auf die Notwendigkeit der Wiedergewinnung des Pädagogischen Bezugs in der Figur des „relevanten und gesuchten“ Erwachsenen, den die Jugendpädagogen für die Jugendlichen verkörpern“ (Böhnisch, Rudolph, Wolf, 1998, S. 164).

Zusammenfassend möchte ich noch mal die beiden wichtigsten Punkte des pädagogischen Bezugs hervorheben:

 

 ·         Auf emotionale Gegenseitigkeit gegründetes Verhältnis von Jugendlichen und Erwachsenen wird als Voraussetzung erachtet.
·         Ambivalentes Verhältnis der Jugendlichen zur Erwachsenenwelt: Jugendliche orientieren sich hauptsächlich an der Gleichaltrigenkultur in mehr oder weniger radikaler Distanz zur Erwachsenengesellschaft. Gleichzeitig sind sie aber neugierig aufs Erwachsenwerden und „prüfen“ das Verhalten von Erwachsenen (vgl. Böhnisch, 2001, S. 189).

 

 C. Belz, 2003

 


 


 

Copyright Soziales-Wissen.tl.de Diese Webseite wurde kostenlos mit Homepage-Baukasten.de erstellt. Willst du auch eine eigene Webseite?
Gratis anmelden