soziales-wissen - Das Therapeutische Milieu nach Fritz Redl
   
  Soziales-Wissen.de.tl
  Wer sind wir?
  AD(H)S
  Adipositas
  Aggression im Kindesalter
  Anorexia nervosa
  Asperger-Syndrom
  Bulimia nervosa
  Burnout Syndrom
  Case Management
  Checkliste Beziehungsgestaltung mit Kind
  Das Therapeutische Milieu nach Fritz Redl
  Depression
  Der pädagogische Bezug nach Herman Nohl
  Diabetes
  Didaktik
  Empowerment
  Fachwörterverzeichnis
  Essstörungen - eine Übersicht
  Kinder, die hassen
  Kinderpsychopathologie
  Klassische und aktuelle Theorien der Sozialen Arbeit
  Kommunikationsquadrat n. Schulz von Thun
  Macht und Ohnmacht bei Verweigerungen
  Milieutherapie nach Edgar Heim
  Mutismus
  Risikogesellschaft und Jugend
  Soziale Arbeit - Definition
  Sozialpädagogik - stellvertretende Lebensräume
  Strafe als Erziehungsmassnahme aus systemischer Sicht
  Themenzentrierte Interaktion
  Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen
  Wer war Alice Salomon?
  Gästebuch


Das Therapeutische Milieu nach Fritz Redl

Fritz Redl begann seine Laufbahn als Verhaltenswissenschaftler in Wien. Seine Beschäftigung mit den 1920 in Wien blühenden Geisteswissenschaften, mit der Psychoanalyse, der Philosophie und der Erziehungsberatung prägte seine spätere Arbeit in den USA, wo er sich 1938 nach einer Vortragsreise entschloss zu bleiben. Er widmete sich dort emotional und sozial gestörten Kindern. "Das pädagogisch-therapeutische Konzept, das Redl im Laufe der Jahre entwickelt hatte, konnte er 1946 verwirklichen, als das Pioneer House, ein kleines Erziehungsheim mitten in einem Elendsviertel von Detroit, gegründet wurde" (Fatke 1987, S. 16).
In seiner wissenschaftlichen und praktischen Arbeit entwickelte er das Konzept des "therapeutischen Milieus" weiter. Eine Möglichkeit zur Überprüfung seiner Theorieansätze erhielt er 1953, als er beauftragt wurde, in Bethesda in einem grossen psychiatrischen Krankenhaus eine Kinderstation aufzubauen. Das Konzept des "therapeutischen Milieus" für Kinder mit schweren psychischen Störungen wurde im klinischen Bereich entwickelt und beinhaltet deshalb vorwiegend medizinische Fachbegriffe. Dennoch ist eine Übertragung dieser Begriffe auf den pädagogischen Bereich denkbar. Redl setzte sich sowohl mit dem Adjektiv "therapeutisch" auseinander, als auch mit dem Substantiv "Milieu", um aus der Kombination das Klima herauszufinden, aus dem Kinder und Jugendliche mit emotionalen und sozialen Störungen gestärkt hervorgehen.

In der Auseinandersetzung mit dem Adjektiv "therapeutisch" trägt Redl sieben der für ihn gebräuchlichsten Bedeutungen zusammen, die einzeln oder in Kombination das "therapeutische Milieu" in seinem Sinne prägen:
1.     "Therapeutisch" im Sinne von: sie zumindest nicht vergiften (Don't put poison in their soup). Hierin ist die Forderung artikuliert, alle "schädlichen Einflüsse" auszuschalten. Kritisch beschreibt er, dass die Vermeidung traumatisierender Ereignisse allein in einigen Einrichtungen bereits als therapeutisch angesehen wird, was für ihn noch nicht ausreichend ist. Dennoch ist es eine wesentliche Eigenschaft des "Therapeutischen Milieus.
2.     "Therapeutisch im Sinne von: sie müssen aber auch zu essen haben (You still have to feed them). Das Erkennen der wirklichen Grundbedürfnisse gehören zur Deutung des Adjektivs "therapeutisch".
3.     "Therapeutisch im Sinne von: der Entwicklungsphase und dem subkulturellen Hintergrund angemessen (Developmental-phase appropriateness and cultural-background awareness). Redl charakterisiert diese Anforderung insofern als schwierig, das Bedürfnisse der Heranwachsenden sowohl aus entwicklungspsychologischer, als auch aus "subkultureller, sozioökonomischer, ethnischer und anderer" Perspektiven (Redl 1987, S, 79) differenziert werden müssen.
4.     "Therapeutisch" im Sinne von: klinischer Elastizität (Clinically elastic). Redl versteht darunter "die Eignung eines besonderen Milieuaspekts oder -bestandteils dafür, sich den besonderen therapeutischen Erfordernissen anzupassen, ohne dass im Laufe dieses Wechsels die Gesamtstruktur völlig verloren geht" (Redl, 1987, S. 79). Diese Eigenschaftserklärung beinhaltet, dass zum einen ein Milieu einen Spielraum für "Ausnahmen" bereitstellt, zum anderen in der Lage ist, "den Teil pathologischen Verhaltens zu absorbieren, den eine bestimmte Behandlungstechnik oder -strategie erforderlich machen kann, und sicher zu stellen, dass solch ein überflüssiges" Verhalten durch die betreffenden Milieubereiche ... richtig gehandhabt wird" (Redl, 1987, S. 79).
5.     "Therapeutisch im Sinne von: Einbeziehung sekundärer Behandlungsziele (Encompassing fringe - area treatment goals). Diese Deutung des Adjektivs "therapeutisch" fordert die Ganzheitlichkeit für den Zugang zum Kind, die Planung und Realisierung verschiedener Zugänge, nicht nur die Behandlung des Hauptproblems.
6.     "Therapeutisch" im Sinne von: das Milieu und ich (The Milieu and I). Die damit verbundene Forderung, "mit Hilfe des Therapeuten Lebensraum bereit(zu)stellen, in dem das Kind sich leisten kann, krankhafte Abwehrhaltungen aufzugeben und die notwendigen emotionalen Bindungen zu entwickeln, die jeder primären Wertidentifikation vorausgehen müssen" (Redl. 1987, S. 82), charakterisiert das Beziehungsverhältnis zwischen den einzelnen unter dem Aspekt der bisherigen Kindlichen Entwicklung.
7.     "Therapeutisch" im Sinne von: Vorbereitung auf das Leben (Re-education for life). Darunter versteht Redl zwei Aspekte. Zum einen soll das "therapeutische Milieu" sich nicht zu sehr vom Alltag der Heranwachsenden abheben, es soll immer stärker in den Alltag hineinwirken; zum anderen muss das "therapeutische Milieu" versuchen, sich selbst überflüssig zu machen.
In gleicher Weise verfährt Redl mit der Analyse des Begriffs "Milieu". Aus seiner Analyse des Begriffs "Milieu" - wobei er hier das künstlich geschaffene Milieu versteht, das dem Zweck dient, Gruppen von Kindern zu behandeln - trägt er aus psychoanalytischer Sicht zwölf Merkmale zusammen, wobei er feststellt, dass "einige Punkte stark vereinfacht oder aus ihrem Kontext gelöst werden" (Redl, 1987, S. 86):

1.    
Die soziale Struktur - Hier soll versucht werden, solche Strukturen zu schaffen, die einen vertrauensvollen Umgang mit Erwachsenen gewährleisten, ohne "dass jedoch ein Äquivalent zum Familienleben vorgetäuscht wird" (Redl, 1987, S. 87). Für den Heranwachsenden muss die Rollenverteilung auch unter Erwachsenen - mit deren Stärken und Angriffspunkten - klar erkennbar sein; eine Kommunikationsstruktur einschliesslich der Kommunikationskanäle für die Kinder und Jugendlichen nachvollziehbar sein.
2.     Das Wertsystem - Hierbei legt Redl besonderes Augenmerk darauf, dass eine Übereinstimmung zwischen den verbal vermittelten Werten und der "impliziten Werthaltung", vermittelt durch nonverbale Gesten, Aktionen, Reaktionen u.a. besteht.
3.     Gewohnheiten, Rituale, Verhaltensregeln - Ausgangspunkt ist die These, dass jede Gruppe bestimmte Rituale besitzt. Auch wenn Redl selbst nur wenig "beweiskräftige Aussagen über die Relevanz bestimmter Praktiken liefern" (Redl, 1987, S. 88) kann, so stellt er doch die Bedeutsamkeit von Gewohnheiten, Ritualen und Regeln für das Funktionieren der Gruppen heraus.
4.     Auswirkungen des Gruppenprozesses - Hier geht Redl darauf ein, dass jedes Mitglied eine bestimmte Funktion für die bzw. in der Gruppe erfüllt. es kommt darauf an, die Funktion und die Kräfte in der Gruppe, die für die Funktionszuweisung verantwortlich sind, zu erkennen und gegebenenfalls zu  beeinflussen.
5.     Die "anderen" Mitglieder der Gruppe - Nicht jedes Kind kann mit den Besonderheiten eines anderen Kindes leben. Das Erkennen, "welche Charaktersyndrome miteinander existieren sollen und welche sorgfältig getrennt werden müssen" (Redl, 1987, S. 91) gehört somit zur Schaffung eines therapeutischen Milieus.
6.     Einstellungen und Gefühle des Pesonals (nich timmer unbedingt "Übertragung" - Obwohl aus der Psychoanalyse stammend, begründet Redl, dass Beziehungen zwischen Erwachsenen und Heranwachsenden nicht nur mit Begriffen wie "Übertragung" und "Gegenübertragung" erklärt werden können. Die Beziehung wird geprägt durch gelebte Einstellungen und Gefühle des Personals zu den Heranwachsenden.
7.     Das Verhalten der "Anderen" - Kinder erleben das Verhalten der "Anderen". Nicht immer sind für sie die Motive des Verhaltens der Anderen erkennbar. Es können zum Teil Verletzungen entstehen, weil das Personal oder die anderen Kinder ihre Wirkung auf den anderen nicht mit berücksichtigen. Die Fähigkeit,  die Wirkung des eigenen Verhaltens auf den Anderen mitzudenken, gehörte für Redl zu einem Auswahlkriterium für das Personal.
8.     Struktur und Elemente einer Tätigkeit - Die Auswahl von Tätigkeiten, ob Spiel, Beschäftigung, Ausflüge usw. muss bewusst und für den speziellen Kontext der Gruppe erfolgen. Atmosphäre, Strukturen und Inhalte der Beschäftigungen müssen den Fertigkeiten, Interessen und dem Behandlungsplan der Kinder und Jugendlichen entsprechen.
9.     Raum, Zeit, Ausrüstung und andere "Requisiten" - Die Koordination der Wirkung eines bestimmten Gegenstandes in einer bestimmten Situation soll hier genauso reflektiert werden wie die räumlichen Gegebenheiten und deren Effekte.
10.   Das Eindringen von einem "Stückchen Aussenwelt" - Auch ein künstlich geschaffenes Milieu existiert nicht auf einer abgeschlossenen Insel. Einflussfaktoren von aussen und deren Wirkung auf die Kinder soll im Behandlungsplan beachtet, gegebenenfalls aufgenommen werden.
11.   Das System der "Schiedsrichterdienste und Verkehrsregelung" zwischen Kind und Umgebung - Erwachsene nehmen in dem von Redl beschriebenen Milieu eine Mittlerfunktion wahr. Sie vermitteln zwischen dem Verhalten der Anderen und dem Erleben dieses Verhaltens beim Einzelnen: sie erklären, spenden Trost, geben Entscheidungshilfen.
12.   Therapeutische Elastizität - Das Milieu muss "dafür sensibel sein, dass sich Bedürfnisse ... während der verschiedenen Phasen ... verändern" (Redl, 1987, S. 95). Es muss auf veränderte innere Bedingungen ebenso reagieren können wie auf veränderte äussere Bedingungen.
 

Die Charakteristik des "therapeutischen Milieus" nach Redl soll in der nachfolgenden Übersicht noch einmal zusammengefasst werden:

"Therapeutisch":
  • Vermeidung schädlicher Einflüsse
  • Befriedigung von Grundbedürfnissen
  • Berücksichtigung der entwicklungspsychologischen und subkulturellen, sozioökonomischen ethnischen Perspektive
  • klinische Elastizität
  • Ganzheitlichkeit im Zugang auf Heranwachsende
  • Bereitstellung eines angstfreien Lebensraums
  • Verbindung zum Alltag
"Milieu":
  • Schaffung von zuverlässigen, durchschaubaren, vertrauensvollen sozialen Strukturen
  • Übereinstimmung der vermittelten und gelebten Wertsysteme
  • Verlässliche Gewohnheiten, Rituale und Verhaltensregeln
  • Auswirkung des Gruppenprozesses erkennen und beachten
  • Beachtung der "Verträglichkeit zwischen den Gruppenmitgliedern"
  • Beachtung der gelebten Einstellungen und Gefühle des Personals
  • Berücksichtigung des Verhaltens der "Anderen"
  • Auswahl von Tätigkeiten im Gesamtkontext der Kinder
  • Koordination von Raum, Zeit, Ausrüstung mit der jeweiligen Situation
  • Berücksichtigung der "Aussenwelt"
  • Erwachsene als Mittler zwischen den Heranwachsenden
  • Therapeutische Elastizität
 



=> Willst du auch eine kostenlose Homepage? Dann klicke hier! <=
Copyright Soziales-Wissen.tl.de