soziales-wissen - Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen
   
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Folgend eine Zusammenfassung des Kapital 8 des obigen Buches von M. Durrant:
 
 
Diziplin auf Station: Zum anderen Umgang mit schwierigen Verhaltensweisen
Hinter meinen folgenden Überlegungen steht der Gedanke, die Zeit der stationären Aufnahme sei eine Zeit für “Versuch und Irrtum“ oder als eine Übung anzusehen, so dass mit einem gewissen auf und ab gerechnet werden muss. Wenn ein junger Mensch eine Vorgeschichte mit schwierigen Verhaltensweisen hat, bevor er stationär aufgenommen wird, und er wie die anderen um ihn herum sich an dieses Verhalten gewöhnt hat, ist es natürlich unrealistisch zu erwarten, alles würde sofort nach der Aufnahme besser werden. Wird die Unterbringung als eine Übungszeit dargestellt, schafft man so ein Klima, das nicht das Gefühl des Versagens bestärkt, indem unrealistische Erwartungen an schnelle Veränderungen wachgerufen werden, und man berücksichtigt die Tatsache, dass der Prozess nicht ohne Hindernisse abläuft.
 
Das bedeutet jedoch nicht, jegliche Verhaltensweise könne toleriert werden. Der Gedanke der Übergangs- und Übungszeit bedeutet nicht, „alles ist erlaubt“. Unkontrolliertes, störendes und unakzeptables Verhalten ist zwar zu erwarten, muss aber nicht hingenommen werden. Für die Mitarbeiterinnen, die sich mit Problemen der Disziplin und der Handhabung schwierigen Verhaltens bei den alltäglichen Aktivitäten des Programms auseinandersetzen müssen, stellt sich die Frage, wie man nicht akzeptablem Verhalten in einer Weise umgeht, die zur therapeutischen Ausrichtung des übrigen Programmes passt.
 
Disziplin als Mittel, neue Informationen zu geben
Alles, was wir im Laufe der Unterbringung tun, muss an der Frage gemessen werden:
„Trägt dies in irgendeiner Weise zur Entwicklung neuer Erfahrungen und Sichtweisen des Selbst bei?“
 
Der für die Unterbringung gestellte Rahmen sowie individuellen Programme und spezifischen Therapien bzw. Beratungen werden ohne weiteres als Bestandteil dieses Prozesses gesehen und können auf dieses Ziel zugeschnitten werden. Weniger leicht ist es zu erkennen, dass die alltäglichen Interaktionen ähnlich betrachtet werden können, und „Disziplin“ ein Bereich ist, in dem viele mühselig um „therapeutisches“ Verhalten ringen. Disziplinarische Massnahmen (oder „Bestrafungen und „Konsequenzen ziehen“) sind jedoch gerade in den entscheidenden Augenblicken gefragt, wenn problematisches Verhalten auftritt. Wenn wir einen Weg finden können, auf Ereignisse therapeutisch zu reagieren, können wir diese ganz natürlich auftretenden und hervorstechenden Gelegenheiten für unseren gesamten Behandlungsprozess ausnutzen.
 
Wenn ein Jugendlicher eine Vorgeschichte mit Wutanfällen und unkontrolliertem Verhalten hat, haben wir während der Unterbringung das Ziel, er solle die Vorstellung entwickeln, eine Person zu sein, die in der Lage ist, Selbstbeherrschung zu zeigen und sich nicht von scheinbar übermächtigen Emotionen und Reaktionen überwältigt zu fühlen.
Wir können die Zuweisung in einen Rahmen stellen, der das zu ermöglichen versucht, und können vielleicht eine spezielle Beratung mit einbeziehen, in der dieses Problem angesprochen wird. Ohne Ausnahme wird es Anlässe geben, wo der Betreffende unbeherrschtes Verhalten an den Tag legt. Wie reagieren wir auf solche Ausbrüche?
Wir können dies entweder in einer Weise tun, in der es uns vor allem um Veränderung und Korrektur schlechten Verhaltens geht, oder in einer Weise, in der es hauptsächlich um die Förderung des Lernprozesses im Jugendlichen geht, die Dinge (und sich selbst) anders zu sehen. Ausnahmen von Problemverhalten bilden eine wichtige Grundlage, um diese neue Sichtweise zu entwickeln. Jedoch sind auch die Zeiten des Problemverhaltens mit den Reaktionen der Mitarbeiterinnen ideal, um die Denkweise des Jugendlichen bezüglich seiner Wutanfälle und seiner Selbstbeherrschung zu beeinflussen.
 
In vielen Bereichen unseres Lebens lernen wir aus Situationen, wo etwas falsch lief. Solche Zeiten sind wichtig und betreffen uns unmittelbar. Wir können üben, wir können vorausberechnen, wir können planen, etwas anders zu machen, aber all diese Bemühungen sind (wenn auch nützlich) doch irgendwie abstrakt. In den Augenblicken, in denen wir tatsächlich versagen, können das Verhalten und die möglichen Alternativen am bedeutungsvollsten werden. Das sind aber auch die Augenblicke, in denen Gefühle und Erinnerungen an die „alte“ Bedeutung des Versagens oder der mangelnden Beherrschung am stärksten sein können.
 
Disziplin wird normalerweise für eine Möglichkeit gehalten, Verhalten zu verändern. Sie ist etwas, was autoritäre Personen denen auferlegen, die sich schlecht betragen, damit ein solches Verhalten nicht wieder vorkommt. Das ist das Problem – wenn du etwas machst, um mein Verhalten zu kontrollieren, dann hilft es mir nicht, mich für fähig zu halten, mich selbst zu kontrollieren zu können. Oft ist es einfacher und schneller, wenn die Angestellten das Verhalten der Bewohnerin unter Kontrolle halten, es kann sich jedoch gegen das, was wir eigentlich erreichen wollen, wirken.
 
Don Coles schlug vor einiger Zeit vor, wir sollten Disziplin als Möglichkeit betrachten, um neue Informationen über das Ich zu vermitteln, anstatt als Mittel zur Verhaltensänderung. Dies ist eine wichtige Unterscheidung, da sie reflektiert, worum es unser Meinung nach bei unseren Interventionen überhaupt geht. Es bedeutet vielleicht nicht, dass alles, was wir in Reaktion auf schlechtes Verhalten tun, immer anders ist, aber es bedeutet, dass unsere Denkweise über das, was wir tun, anders ist.
 
Unmittelbar oder überlegt reagieren?
Vor einigen Jahren erzählte ein Kapitän eines Jumbojets, der aus unerfindlichen Gründen während des Fluges etliche hundert Meter „gefallen“ war, in einem Fernsehinterview, wie er und seine Mannschaft reagiert hatten. Offenbar hatte die Mannschaft das Problem innerhalb von fünf Sekunden beheben können. Hätten sie nur ein oder zwei Sekunden länger gebraucht, wäre es zu spät gewesen, das Flugzeug wieder unter Kontrolle zu bekommen, und sie wären in ihr sicheres Verderben gestürzt. Der Kapitän wurde gefragt: „Was haben Sie als erstes gemacht, als Ihnen klar wurde, was geschah?“ Zur grossen Verwirrung der Journalisten antwortete er: „Ich setzte mich als erstes auf meine Hände“. Und als er ihre Verwunderung sah, erklärte er: „Wenn ich das nicht getan hätte, hätte ich ohne nachzudenken reagiert, und die Situation wäre völlig aussichtslos geworden“.
 
Wenn Kinder sich schlecht betragen, neigen Eltern dazu zu reagieren. Sie versuchen, mit Hilfe einer angemessenen Strafe mit der Situation fertigzuwerden, und ihre Reaktion ist häufig vom Verhalten selbst beeinflusst, oft aber auch vom Grad ihrer Frustration über das Kind, ihrer gegenwärtigen Befindlichkeit, der übrigen Geschehnissen im Haus und so weiter. Im grossen und ganzen stelle ich fest, dass ich in meiner Elternrolle erst handle (oder schimpfe) und später nachdenke.
Bei vielen Eltern und Kindern funktioniert es mit dieser Reaktion, weil sie im Kontext einer langjährigen Beziehung auftritt. Viele Kinder und Jugendliche in stationären Einrichtungen haben jedoch Reaktionen bei ihren Eltern erlebt, die ernsthaft eskalierten, sie verletzten und erniedrigten oder voller Trotz zurückliessen. Zudem ist das elterliche Handeln ein Entwicklungsprozess und kein therapeutische oder speziell veränderungs-orientierte Handlung. Stationäre Behandlung hingegen ist ein sehr therapeutischer oder veränderungs-orientierter Prozess. Die Mitarbeiterinnen dieser Einrichtungen sind nie Ersatzeltern, ganz gleich wie nah sie einigen Kindern oder Jugendlichen in ihrer Fürsorge sind. Sie können nicht auf eine gemeinsame Geschichte ihrer Beziehung oder auf dieselben emotionalen Bindungen zurückblicken, und ihre Arbeit mit Jugendlichen und Kindern ist klar und eindeutig definiert.
 
Die Arbeit der Mitarbeiterinnen hat einen bestimmten Zweck und ein therapeutisches Ziel. Ob nun ganz offen eine Therapie dazugehört oder nicht, sind doch alle Betreuerinnen darum bemüht, den Bewohnerinnen zu helfen, Veränderungen vorzunehmen, die ein erfolgreicheres Leben ermöglichen. Sie haben also anders als die Eltern den Blick auf Therapie gerichtet. Während Eltern unmittelbar reagieren, haben sie die Aufgabe, überlegt zu reagieren. Dieses „überlegt reagieren“ beinhaltet, sich in Überstimmung mit dem allgemeinen Ziel der Unterbringung zu verhalten und über das, was man tut, nachzudenken.
 
Wenn Kinder oder Jugendliche sich schlecht betragen, können wir unmittelbar auf deren Verhalten reagieren, in dem wir unser Missfallen oder unsere Frustration zum Ausdruck bringen, was sich dann in irgendeiner Form der Bestrafung niederschlägt. Oder wir reagieren überlegt und setzen uns mit dem schlechten Betragen in einer Weise auseinander, die unser allgemeines therapeutisches Ziel für den Betreffenden fördert. Wichtig ist zu sehen, dass kein einzelnes Verhaltensmuster isoliert auftritt. Unsere überlegten Reaktionen auf schlechtes Betragen müssen im Licht unseres Gesamtvorhabens mit dem Kind oder dem Jugendlichen gesehen werden, und nicht als unmittelbare Reaktion auf einen speziellen Vorfall. Wenn wir manchmal den ganzen therapeutischen Prozess betrachten, wird es notwendig sein, anders zu reagieren, als wenn wir es nur mit dem isolierten Verhalten zu tun hätten. Der Zweck unserer Arbeit mit jungen Menschen schreibt uns also vor, dass unsere Aufgabe und unsere Reaktion auf Verhalten ganz anders sind als die von Eltern, Lehrerinnen oder anderen amtlichen Personen.
 
Strafe vs. Konsequenzen
Vielen Menschen ist der Unterschied zwischen „Strafe“ und „Konsequenz“ vertraut.
 
Nach dem Oxford Dictionary bedeutet „strafen“ (punish): „Einen Straftäter aus Vergeltung oder Rache oder als Abschreckung für ein Vergehen leiden lassen“ und „Strafe“ (punishment) ist das, „was als Busse (penalty) auferlegt wird“.
„Konsequenz“ (consequence) ist „ein Ding oder ein Umstand, der als Wirkung oder Ergebnis aus dem vorhergegangenen folgt; … ein logisches Ergebnis“.
 
Wenn ein Kind sich weigert, den Fernsehapparat auszustellen, wenn es dazu aufgefordert wird und ich sage: „Dann bekommst du kein Abendbrot“, ist das eine Strafe. Es soll dem Kind Leid verursachen und vermutlich auch eine Vergeltung sein neben der Warnung, es nicht noch einmal zu tun. Wenn ich auf der anderen Seite das Kind auffordere, den Fernsehapparat auszustellen, und dann Abendbrot serviere, aber das Kind übergehe, so dass es fernsieht und sein Abendbrot verpasst, ist das eine Konsequenz. Ich habe das Auslassen der Mahlzeit nicht angeordnet, ich habe das Kind nur nicht vor der logischen Folge geschützt, die eintritt, wenn es den Fernsehapparat trotz Aufforderung nicht ausstellt.
 
Wenn ich Verantwortungsbewusstsein lernen und meinen persönlichen Einfluss erkennen will, gehört die Erfahrung dazu, dass mein Verhalten Konsequenzen hat. Wenn ich es mir auch aufgrund der Unannehmlichkeiten einer willkürlichen Busse oder Strafe zweimal überlege, bevor ich dasselbe Verhalten wiederhole, hilft es mir doch nicht dabei, ein grösseres Verantwortungsbewusstsein zu entwickeln, da es mir von einer anderen Person auferlegt oder zugefügt wird. Wenn ich andererseits die natürlichen Konsequenzen meines Verhaltens erfahre, hilft mir dies nicht nur dabei, die (möglicherweise) unangenehmen Auswirkungen zu erkennen, sondern vielleicht auch zu sehen, dass ich einen gewissen Einfluss darauf habe, diese Konsequenzen zu vermeiden, in dem ich mich anders verhalte. Für jeden Menschen ist die Erfahrung der persönlichen Einflussnahme und Macht über das eigene Verhalten der Hauptschlüssel für Selbstachtung und für ein Gefühl von Kompetenz.
 
Daher ist es normalerweise besser, wann immer dies möglich ist, die natürlichen Konsequenzen des Fehlverhaltens wirken zu lassen, statt sich eine willkürliche Strafe auszudenken. Dies klingt vielleicht einfach und offensichtlich, aber nur allzu leicht beschäftigen sich Mitarbeiterinnen mit Bestrafungsmöglichkeiten und ignorieren dabei die natürlichen Konsequenzen. Dies geschieht vermutlich, weil natürliche Konsequenzen auf den ersten Blick nicht „streng genug“ erscheinen. Wenn jemand z.B. helfen muss, beschädigtes Eigentum zu reparieren, „fühlt“ sich das vielleicht nicht so nach Strenge an wie zusätzliche unangenehme Arbeiten im Haushalt. Trotzdem ist die Aufgabe, beschädigtes Eigentum zu reparieren, eine natürliche Konsequenz destruktiven Verhaltens und hilft dem Jugendlichen vielleicht, etwas über die Wirkung seiner Handlung zu lernen. Möglicherweise macht ihm diese Reparaturarbeit sogar Spass, und er ist stolz auf das fertige Produkt. Es kann dann schwer für die Angestellten sein, abschätzige Kommentare zu unterdrücken wie: „Du brauchst gar nicht so stolz zu sein, wenn du nicht die Beherrschung verloren hättest, wäre die Reparatur überhaupt nicht nötig gewesen“.
Stattdessen sollten sie aufmerksam auf Gelegenheiten achten, bei denen ihre Art zu reagieren, dem Jugendlichen die Möglichkeit bietet, sich selbst anders zu erleben; dann können sie einerseits über den Grad seines destruktiven Verhaltens sprechen und gleichzeitig seinen Erfolg bei den Reparaturarbeiten anerkennen. Auf lange Sicht gesehen wird der junge Mensch sicher eher zu verantwortlichem und erfolgreichem Verhalten gebracht, wenn er sich wegen des Erreichten gut fühlt, als wenn er erniedrigt und ihm sein Versagen vorgehalten wird.
 
Willkürliche Strafe als bedeutungsvoll rahmen
Es gibt Anlässe, die keine natürliche Konsequenz des Fehlverhaltens nach sich ziehen und für die eine willkürliche Busse auferlegt werden muss. Und auch hier ist es wieder äusserst wichtig, sich über die Gedanken im Klaren zu sein, die wir uns über die Bestrafung machen. Wir können uns einfach für irgendetwas Unangenehmes entscheiden („um eine Lektion zu erteilen!“) oder wir finden vielleicht eine Möglichkeit, sie so durchzuführen, dass Stärke und Kompetenz sinnvoll unterstrichen werden.
 
Die Strafe muss zur Person und nicht zur Tat passen
Eltern fragen sich manchmal, ob die Strafe, die einem Kind auferlegt wurde, ausreichend der Schwere des Vergehens entsprechen. Wenn Beschimpfen der Mutter einen Abend ohne Fernsehen zur Folge hatte, würde das dann bedeuten, drei Abende oder eine Woche ohne Fernsehen, wenn sie sich auf der Strasse prügelten?
Unser Ziel in Bezug auf Disziplin liegt darin, den betreffenden jungen Menschen die Möglichkeit erkennen zu lassen, dass er sich anders verhalten und Erfolg sowie Kompetenz erfahren kann. Eines der Hauptprinzipien besagt, das Erleben der Möglichkeit, sich anders und erfolgreich verhalten zu können, ist auf lange Sicht gesehen hilfreicher als die Erfahrung der unangenehmen Seiten des Problemverhaltens.
 
„Intuitive“ Logik sagt uns vielleicht, die Strafe muss dem Verbrechen entsprechen, aber Erfahrungen der Therapie legen nahe, dass der wichtigste Bestandteil jeder Intervention, die eine Veränderung bewirken soll, darin besteht, die Strafe auf die einzigartigen Erfahrungen der betroffenen Person zuzuschneiden. Was für den einen Menschen bedeutungsvoll ist, kann auf andere angesichts der Meinung, die sie aufgrund vergangener Erlebnisse mit Strafen von sich selbst haben, belastend wirken. Eine Strafe entspricht vielleicht „objektiv“ gesehen dem Verbrechen, kann aber bei einem bestimmten jungen Menschen Gedanken von Hoffnungslosigkeit und Versagen verstärken, wodurch neue Vorstellungen über Verhaltensweisen nicht entstehen können.
 
„Eine „natürliche Konsequenz“ nach Beschädigung von Eigentum könnte z.B. sein, den Bewohner für den Schaden durch Zahlung oder Reparatur aufkommen zu lassen. Dies scheint zunächst eine angemessene Reaktion, die auch sicherstellt, dass der Betreffende lernt, für sein Verhalten verantwortlich zu sein. Für einige junge Menschen wäre diese Forderung jedoch eine zu grosse Belastung. Betrachtet man ihre Vorgeschichte, in der es immer das Gefühl der Hoffnungslosigkeit gegeben hat, kann die nun folgende Unfähigkeit, für den Schaden zu zahlen oder ihn zu beheben, dazu beitragen, sich wieder als Versager zu erleben. Das heisst, der Betreffende ist nicht nur ausserstande, neue Informationen über Kompetenz und Beherrschung zu erhalten, sondern die Frustration über das Versagen kann sogar zu weiteren Ausbrüchen und Verweigerungen von Kooperation führen. So wird die Situation zu einem wiederholten Erlebnis von Hoffnungslosigkeit, und die Gelegenheit, sie als Teil des Prozesses zu nutzen, durch den neuartige Möglichkeiten entdeckt werden, ist vertan.
 
Auf der anderen Seite könnte sich aus der Beschädigung die Konsequenz ergeben, dass der Bewohner die Reparaturabteilung der Institution ansprechen, den Schaden melden und um Behebung bitten muss. Das sieht vielleicht wie eine Bagatellisierung aus, kann dem Bewohner aber die Möglichkeit geben, die Verantwortung für sein Verhalten und die Folgen in einer Form zu übernehmen, die für ihn durchführbar und nicht zu hart ist. Ausserdem herrscht ein weniger feindseliges Klima, in dem die Betreuerinnen mit ihm darüber diskutieren, wie er über den Schaden berichten sollte, und ihn später loben, weil er es geschafft hat, die Verantwortung zu übernehmen. So ermöglicht uns ein bestimmtes „Problemverhalten“, hier eine „Ausnahme“ zu machen, auf die der Jugendliche eingehen kann. Wenn die Angestellten in der Reparaturabteilung vorgewarnt sind und kooperieren, können sie bei der Arbeit den Bewohner um Hilfe bitten und sich dann mit ihm darüber unterhalten“ (nach Simes&Trotter, 1990).
 
Indem wir der Versuchung widerstehen, uns von Reaktionen wie „das war keine Strafe – er ist damit durchgekommen!“ hinreissen zu lassen, prüfen wir unsere Entschlossenheit, auf schlechtes Betragen so zu reagieren, dass neue Ideen und Erfahrungen gefördert werden, anstatt einfach Bestrafungen aufzuerlegen. Keine Konsequenz darf uns zu geringfügig erscheinen, wenn sie neue Informationen anbietet.
 
Konsequenzen müssen nicht wehtun – sie müssen einen Unterschied machen
Unser natürlicher menschlicher Instinkt sagt uns, Konsequenzen schlechten Betragens müssen „unangenehm“ sein. Sie müssen wehtun, wenn sie von zukünftigem schlechten Betragen abschrecken sollen. Ganz sicher ergibt dieser Gedanke Sinn, wenn wir von den Ideen der behavioristischen Theorie ausgehen (bei der unakzeptables Verhalten durch den Einsatz von Strafe „ausgelöscht“ wird).
 
In einer stationären Einrichtung ergeben sich zwei Probleme bei dieser Idee. Das erste ist praktischer Art: es funktioniert nicht immer. Viele Kinder und Jugendliche in stationärer Unterbringung sind in Bezug auf wiederholte und harte Bestrafung alte Veteranen. Ihre Bemühungen, ihr „Gesicht zu wahren“ (z.B. das hat gar nicht wehgetan!), oder ihr wachsender Groll (z.B. Ich werde es ihm noch zeigen!) führt die Eltern oft in eine eskalierende Progression immer härterer Strafen. Sehr leicht – und verständlicherweise – geraten Mitarbeiterinnen in einen ähnlichen Teufelskreis, der aber kaum jemals irgendeinen dauerhaften Unterschied bewirkt. Das zweite Problem hat mit dem Zweck der Konsequenzen zu tun. Wenn unser Ziel ist, dass die Jugendlichen in unserer Fürsorge eine neue Ansicht über sich selbst entwickeln, sich als erfolgreich und kompetent sehen sollen, dann ist Schmerz nicht unbedingt ein Weg, dies zu erreichen. Wir können sogar als allgemeines Prinzip vorschlagen: „Wenn du Zweifel hast, solltest du zurückhaltend reagieren“.
 
Keine Strafe und keine Konsequenz stellt absolut sicher, dass ein bestimmtes Verhalten nie wieder auftritt. Die stationäre Unterbringung ist eine Zeit von Versuch und Irrtum, und es wird immer wieder zu „Ausrutschern“ kommen. Wenn ein junger Mensch, nachdem ihm die Konsequenzen für sein Fehlverhalten auferlegt wurden, sich wieder schlecht beträgt, bedeutet das nicht, dass die Konsequenzen nicht ernsthaft genug waren. Es bedeutet einfach nur, dass der Lernprozess für Kompetenz und Selbstbeherrschung Zeit braucht. Unsere Konsequenzen und Strafen sollen hauptsächlich das Ziel haben, den jungen Menschen die Gelegenheit zu bieten, etwas über sich selbst und ihre Selbstbestimmung zu entdecken.
 
„Klare Kontrolle“ (bei der die Jugendlichen in der Nähe von den Mitarbeiterinnen bleiben müssen – nicht diese hinter den Jugendlichen herlaufen!) ist oft eine sehr wirkungsvolle Konsequenz, da die Bedeutung von „kontrolliert werden im Gegensatz zu sich selbst kontrollieren“ eindeutig ist und leicht zu nützlichen Gesprächen führt. Wenn manche damit vielleicht auch nicht rechnen, so reagieren Jugendliche meist auf diese Forderungen und verhalten sich kooperativ, besonders wenn sie erst einmal verstanden haben, „wie es läuft“. Wenn natürlich ein Jugendlicher nicht wie verabredet bei der Betreuerin bleibt, kann man dies leicht als Beweis dafür deuten, dass er zur Zeit noch nicht in der Lage ist, sich selbst zu kontrollieren, und kann strengere Restriktionen auferlegen.
 
Klare Kontrolle ist ein gutes Beispiel für eine Konsequenz, die nicht Leiden mit sich bringt, sondern eine Bedeutung erhalten kann. Wichtig sind dabei nicht so sehr die ein oder zwei Stunden, die der Jugendliche kontrolliert wird, sondern die Tatsache, dass er danach die Kontrolle wieder selbst übernehmen kann. Und genau darauf werden die Mitarbeiterinnen dann zu reagieren versuchen.
 
Mit extremem Verhalten umgehen
Natürlich gibt es Zeiten, wo die Schwere des Fehlverhaltens – Gewalttätigkeit oder ununterbrochenes Stören – sich allen Versuchen widersetzt, kreativ und sinnvoll damit umzugehen. Auch in solchen Zeiten ist es jedoch wichtig, sich zu überlegen, wie wir über solche Anlässe denken. Halten wir den Jugendlichen für „aufsässig“ oder für einen Menschen, der „absichtlich versucht, seine Unterbringung zu sabotieren“ (so normal und verständlich solche Gedanken auch sein mögen), so hilft das den Mitarbeiterinnen vermutlich nicht, mit der Situation fertigzuwerden. Wir können trotz allem davon ausgehen, dass die Verhaltensweisen wiederspiegeln, wie der junge Mensch sich selbst sieht, und wir können versuchen, in einer Form damit umzugehen, die ihm die Möglichkeit bietet, neue Informationen über sich zu gewinnen.
 
Simmes und Trotter (1990) beschreiben stationäre Einrichtungen, in denen die älteren männlichen Jugendlichen, die oft vom Gericht eingewiesen wurden, Vorgeschichten von Gewalttätigkeit und Misshandlungen aufwiesen und bei denen gewalttätige Ausbrüche dann auch nicht selten waren. Selbst in extremen Situationen, so schreiben sie, besteht immer noch das Ziel, dass der junge Mensch die Erfahrung machen soll, wie er selbst über sich bestimmen kann.
 
„Die Betreuerinnen reagieren möglichst in einer Weise auf den jungen Menschen, die ihre Überzeugung durchblicken lässt, dass sie ihn für fähig halten, die Zügel selbst in die Hand zu nehmen. Sie bitten ihn, nach draussen zu gehen, bis er sich beruhigen kann. Natürlich hört ein junger Mensch mitten in solch einem wütenden Ausbruch solche Kommentare vielleicht nicht (oder scheint sie nicht zu hören), trotzdem ist die Einstellung, ihm Platz zu lassen, um die Selbstbeherrschung wiederzugewinnen, potentiell sehr wirkungsvoll.
Ruhe zu bewahren und die Situation nicht eskalieren zu lassen, sind natürlich wichtig und beeinflussen die Art der Reaktion von Mitarbeiterinnen. „Ich warte, bis du die Beherrschung wiedergewonnen hast“ (was implizit die Botschaft enthält: „Ich weiss, du wirst sie wiedergewinnen“), ist besser als: „Wenn du immer wieder die Beherrschung verlierst, werde ich dich daran hindern“. Unser Ziel ist, dem jungen Menschen so viel Raum und Zeit wie möglich zu geben, damit er die Entscheidung fällen kann, die Beherrschung wiederzuerlangen.
Die Betreuerinnen vermeiden es möglichst, sich mit physischer Kraft einzumischen, einmal, weil es schwer durchzusetzen ist, und zum anderen, weil es dazu beiträgt, (sich selbst) als abhängig und hilflos zu sehen – „Ich bin unkontrollierbar; jemand anders muss mich unter Kontrolle halten“ - hierbei wird dem jungen Menschen die Möglichkeit vorenthalten zu erleben, wie er sich unter Kontrolle bekommt. Die Angestellten müssen sich ihrer eigenen Selbstbeherrschung bewusst sein, mit der sie er Versuchung widerstehen, sich einzumischen. Nur wenn sie oder andere Bewohnerinnen in unmittelbarer Gefahr sind oder grosser äusserlicher Schaden angerichtet wird, mischen wir uns mit körperlicher Gewalt ein“ (Simes&Trotter, 1990, S.58).
 
Manchmal ist es am klügsten, die anderen Bewohnerinnen und Angestellten in Sicherheit zu bringen und dem betreffenden Jugendlichen Zeit zum Abkühlen zu geben. Wenn er schliesslich soweit ist, können die Mitarbeiterinnen mit ihm (und anderen, die vielleicht Zeugen des Ausbruchs waren) nicht nur über die Tragweite solch gewalttätigen Verhaltens diskutieren, sondern auch über die Tatsache, dass er schliesslich doch in der Lage war, sich unter Kontrolle zu bekommen. In Übereinstimmung mit den oben erörterten Prinzipien kann man die sehr eindrückliche Botschaft übermitteln: „Gewalttätiges Verhalten ist unakzeptabel (und es werden unter Umständen Konsequenzen notwendig), aber wir sind beeindruckt, weil du dich dieses Mal schneller unter Kontrolle bekommen hast als sonst. Wie hast du das geschafft?“ Der Vorfall wird nicht ignoriert, bietet aber die Gelegenheit, über Erfolg zu sprechen. Der junge Mensch befindet sich danach in einer viel besseren Position, wenn er glauben kann, Fortschritte in Bezug auf Selbstbeherrschung gemacht zu haben, als wenn er einfach wieder das Versagen sieht. Auch macht es ein solches Gespräch über den Vorfall normalerweise wahrscheinlicher, dass er bei den auferlegten Konsequenzen kooperativ ist.
 
Eingreifen und Kontrolle übernehmen
Natürlich gilt die oberste Verantwortung von Angestellten der Sicherheit aller dort arbeitenden und wohnenden Personen, und hier ist manchmal ein konkretes Eingreifen notwendig. Dies ist in stationären Einrichtungen wahrscheinlich weniger oft notwendig, als manchmal vermutet wird. Ganz sicher mischen sich in manchen stationären Einrichtungen die Mitarbeiterinnen mit körperlichem Zwang vor allem deswegen ein, weil sie (eine sehr reale) Angst um die Sicherheit haben und nicht, weil das Verhalten dies wirklich rechtfertigt.
 
Wenn bei einem gewalttätigen Ausbruch ein Eingreifen notwendig wird, müssen die Mitarbeiterinnen sich gut überlegen, wie sie vorgehen wollen. Das Wagnis, mit körperlichem Einsatz die Kontrolle zu übernehmen, kann die ganze Situation nur noch verschlimmern. Für jeden, mit Ausnahme vielleicht der Kräftigsten, ist es eine entmutigende Vorstellung, einen ausser Kontrolle geratenen Jugendlichen festhalten zu wollen, und ein fehlgeschlagener Versuch führt praktisch unter Garantie zu grösserer Gewalttätigkeit – nicht nur, weil er den Jugendlichen wütend macht, sondern auch, weil er die Ansicht bestärkt, sein Verhalten sei unkontrollierbar, was für den Jugendlichen und die Mitarbeiterinnen erschreckend ist.
 
Manchmal ist es vorzuziehen, in dieser Situation die Polizei zu rufen. Man braucht dies nicht als Eingeständnis der Hilflosigkeit zu sehen, sondern vielmehr als natürliche Konsequenz von destruktivem Verhalten oder körperlichen Angriffen. Ganz sicher ist das Eingreifen der Polizei eine natürlichere Konsequenz, als wenn sich ein Mitarbeiter auf den betreffenden Jugendlichen setzt und/oder Beruhigungsmittel verabreicht. Jedes Erscheinen der Polizei hat auch Auswirkungen auf die anderen Bewohnerinnen, die dies miterleben, und dies Ereignis sollte unbedingt später mit ihnen besprochen werden. Es gibt diverse Einrichtungen, wo die Mitarbeiterinnen sich die Zeit genommen haben, eine konstruktive Beziehung zu ihrer zuständigen Polizeistelle aufzubauen. Das bedeutet nicht, dass sie oft die Polizei rufen können. Es bedeutet aber, dass die Polizei für die (hoffentlich seltenen) Anlässe ihre Hilfe angeboten hat, wo sie notwendig wird.
 
In Folge solcher extremen Gewalttätigkeit kann der Bewohner aufgefordert werden, die Einrichtung eine Weile lang zu verlassen (oder er kann von der Polizei fortgebracht werden). Dies kann eine angemessene Konsequenz extremen Verhaltens sein, selbst wenn der Betreffende sich wieder beruhigt hat. Es ist in der Tat sogar vorzuziehen, diese Konsequenz später zu ziehen und nicht in der Hitze des Augenblicks. Einige Zeit nach dem Vorfall kann man dem jungen Menschen sagen: „Du weisst, dass wir solch eine ständige Gewalttätigkeit wie gestern nicht dulden können. Wir sind froh, dass du dich wieder beruhigt und dich wieder unter Kontrolle hast; es ist aber den anderen gegenüber nicht fair, wenn sie mit solchen Ausbrüchen fertigwerden müssen. Wir haben beschlossen, dich für eine Woche von hier fortzuschicken, damit wir die Möglichkeit haben, die Abteilung wieder zur Ruhe zu bringen. Wir hoffen, dass du wiederkommen und weiter daran arbeiten möchtest, mehr Kontrolle über deinen Zorn zu entwickeln“.
 
Ich kenne eine Reihe stationärer Einrichtungen, die bei sehr seltenen Anlässen diese Strategie verfolgt haben. Sie bemühten sich gemeinsam mit dem Jugendlichen, für diese Woche eine andere Unterbringung zu finden (da es nicht immer angebracht war, ihn nach Hause gehen zu lassen) und waren bereit, ein paar Tage zu warten, bis sich eine Alternative bot. Ihre Haltung macht deutlich, dass dieses Fortschicken keine impulsive Reaktion oder Bestrafung ist, sondern eine Konsequenz seines Verhaltens, und daher kann man sie unter Umständen als sinnvoller erscheinen lassen.
 
Am Ende des vorgeschriebenen Zeitraums (der nicht länger als ein paar Tage zu sein braucht) kann der Jugendliche sich bemühen, in die stationäre Einrichtung zurückzukommen. Dadurch ist natürlich die Gelegenheit gegeben, den ganzen Komplex der Kontrolle über sein Verhalten zu diskutieren. Man kann ihn fragen, ob er meint, dies Verhalten würde in Zukunft vermutlich nicht so schnell wieder auftreten, und ihn auffordern, sich im Rahmen dieses Gesprächs frühere Beispiele von Selbstbeherrschung noch einmal vor Augen zu halten. Wichtig ist es, die Rückkehr so positiv wie möglich zu deuten und nicht den Eindruck zu vermitteln, „wir sind bereit, dich wieder aufzunehmen, aber es ist nur zur Probe“.
 
Wenn der junge Mensch nur „zur Probe“ zurückkehrt, ist das Versagen vorprogrammiert: Er und die Mitarbeiterinnen werden aufmerksam auf Beweise für Versagen statt für Erfolg achten. Im Versuch, den „zeitweiligen Ausschluss“ des jungen Menschen aus der Einrichtung so eindrücklich wie möglich zu gestalten, bestehen einige Institutionen darauf, zur Wiederaufnahme ein Treffen mit einer der höher gestellten Personen zu verabreden, bei dem der Jugendliche sich einverstanden erklärt, gewisse Konditionen zu akzeptieren oder an bestimmten Fragen zu arbeiten. Dies soll ihm angeblich helfen, „die Einrichtung ernst zu nehmen“, und oft gehört eine Bewährungsfrist dazu. Auch hier befürchte ich wieder, dass die Aufforderung zum Verlassen der Einrichtung für einen gewissen Zeitraum vermutlich eine Erfahrung von Hoffnungslosigkeit oder Versagen ist und für sich genommen nicht die Motivation zur Anpassung vergrössert. Die implizite Erwartung, der Jugendliche habe jetzt ja „seine Lektion gelernt“ und werde das problematische Verhalten nicht wiederholen, ist sowohl unrealistisch wie auch unsinnig. Jeder Kontext von Bewährung oder Zustimmung zu einem „neuen Vertrag“ wird es für Betreuerinnen schwerer machen, erfolgreiches Verhalten zu bemerken und darauf zu reagieren oder die Experimentierfreudigkeit zu fördern, da ein solcher Kontext unausweichlich die Aufmerksamkeit auf Fügsamkeit bzw. Widersetzlichkeit lenkt.
 
Die Rückkehr des jungen Menschen in die Einrichtung muss als Gelegenheit gedeutet werden, wieder an frühere Erfolge und Praktiken anzuknüpfen. Man kann sich einigen, ein bestimmtes Programm durchzuführen, das Möglichkeiten zum Experimentieren oder zum Erkennen anderer Verhaltensweisen bieten muss; die „Hürde“ einer Probezeit ist hierfür jedoch nicht erforderlich.
 
Den jungen Menschen auffordern, die Einrichtung zu verlassen
Manchmal ist das Verhalten so unerträglich und das Brechen der Regeln so konstant, dass man zur Entscheidung kommt, der Jugendliche müsse die Einrichtung endgültig verlassen. In einigen Institutionen nennt man dies „Entlassung aus disziplinarischen Gründen“.
 
Solch eine Entscheidung sollte man nicht leicht fällen. Wie schon erwähnt, habe ich zu viele Fälle gesehen, wo ein junger Mensch aus einer stationären Einrichtung „hinausgeworfen“ wurde, weil er genau das Verhalten zeigte, weswegen er aufgenommen worden war. Wenn wir uns entscheiden, Jugendliche in unserer Einrichtung aufzunehmen, die eine „Behandlung“ brauchen, weil sie gewalttätig sind, können wir sie nicht vorzeitig entlassen, weil sie sich gewalttätig verhalten! Solch ein Beschluss würde das Gefühl der Hoffnungslosigkeit noch bestärken. Natürlich müssen wir deswegen nicht alles und jedes Verhalten tolerieren. Wir müssen uns aber vergewissern, dass unsere Erwartungen solche Entlassungen für die schwierigeren Bewohnerinnen nicht fast unausweichlich macht.
 
Wenn wir den Punkt erreichen, wo eine disziplinarische Entlassung erwogen wird, müssen wir die Situation unbedingt genauestens untersuchen. Oft haben unsere eigenen Reaktionen zur Situation beigetragen. In bin sicher, viele Leserinnen haben schon gehört, wie einer Bewohnerin gesagt wurde: „Wenn das noch einmal geschieht, musst du gehen“, und dann wurde daraus eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Ich erinnere mich gut an eine Situation, wo ein Jugendlicher von einem Betreuer gewarnt worden war, seine starre Weigerung, zur Schule zu gehen, sei ein Zeichen dafür, dass er „mit dem Programm nicht weitermachen wolle“. Besorgt durch diese offensichtliche Strenge, versuchte ich einen „therapeutischen Rückzug“. Ich sagte zu ihm: „Man erwartet von dir, dass du zur Schule gehst; du wirst aber nicht hinausgeworfen, wenn du es nicht machst. Aber wenn du jemanden schlägst, musst du die Einrichtung verlassen“. Nach dem Gespräch wurde mir klar, welche sich selbst erfüllende Prophezeiung ich ausgesprochen hatte, und ich bemerkte zu einem Mitarbeiter: „Ich gebe ihm 24 Stunden“. Tatsächlich dauerte es nur 8 Stunden, bis er einen Mitbewohner schlug und wir gezwungen waren, ihn auszuschliessen. Wir mussten unsere „Drohung“ wahrmachen, aber in mir blieb das Gefühl zurück, dies unbeabsichtigt unausweichlich gemacht zu haben.
 
Nach meiner Beobachtung kommt es schneller zu solchen extremen Situationen, wenn Institutionen eine Philosophie der Beherrschung vertreten. Solch ein Kontext, in dem die Mitarbeiterinnen sich verpflichtet fühlen, das Verhalten der Bewohnerinnen unter Kontrolle zu haben, führt leicht zu einer Eskalation der Machtkämpfe bis hin zu dem Punkt, von dem aus es kein Zurück gibt. Wir können nur hoffen, anhalten zu können, bevor wir diesen Punkt erreichen, um über eine völlig neue Art, mit der Situation umzugehen, nachzudenken, statt blind zu werden und „mehr desselben“ zu tun.
 
Trotz des eben Gesagten weiss ich, dass es manchmal notwendig ist, einen Bewohner oder eine Bewohnerin aufzufordern, die Einrichtung zu verlassen. In solch einem Fall müssen wir uns aber trotzdem überlegen, in welchen Rahmen wir diese Aufforderung stellen wollen. Ich habe stationäre Einrichtungen erlebt, in denen dem Betreffenden gesagt wird: „Dein Verhalten zeigt deine Entschlossenheit, diese Einrichtung zu verlassen“. Ich vermute, das stimmt nicht mit der Erfahrung des jungen Menschen überein und ist ein unnötiger (und falscher) Versuch, die Lage positiv zu deuten. Es ist viel besser, ehrlich der Tatsache ins Auge zu sehen, dass die Einrichtung den jungen Menschen nicht weiter beherbergen und seinen Aufenthalt nicht länger in einem positiven Rahmen sehen kann.
 
„Wir möchten diesen Abschluss positiv für den Betreffenden gestalten, damit sich ihm neue Wahlmöglichkeiten eröffnen und er nicht von einem Gefühl des Versagens beherrscht wird. Daher erzählen wir ihm, welche seiner Stärken, Fähigkeiten und Eigenschaften uns gefallen haben, und erklären ihm gleichzeitig, warum sein Verhalten uns dazu gebracht hat, ihn zum Verlassen der Einrichtung aufzufordern“ (Simes&Trotter, 1990, S. 60).
 
Wieder ist das Ziel, diese Entscheidung nicht als Strafe erscheinen zu lassen. Daher kann man dem jungen Menschen erlauben, noch kurze Zeit zu bleiben, bis andere Regelungen getroffen worden sind – und die Diskussion darüber, wie er während dieser Zeit sicherstellen kann, dass die anderen Bewohnerinnen nicht gefährdet sind, kann sehr fruchtbar sein.
 
… aber unsere Klientinnen sind jüngere Kinder
Die Beispiele stammen grösstenteils aus Einrichtungen mit Jugendlichen, und es mag leichter scheinen, „Risiken einzugehen“, wenn man mit Jugendlichen zu tun hat, als wenn man mit jüngeren Kindern arbeitet. Ganz sicher tragen Betreuerinnen von jüngeren Kindern eine grössere Verantwortung in Hinblick auf Fürsorge und Schutz und müssen dies bei ihren Reaktionen berücksichtigten. Trotzdem neigen auch sie dazu, sich in unsinnige Reaktionen auf schlechtes Betragen zu verrennen.
 
Ich habe häufig Eltern gesehen, die immer wieder nach demselben Muster erfolglos auf ihre acht- oder neunjährigen Kinder reagieren. Sie greifen stets auf dieselben Bestrafungen zurück, die anscheinend keinen Unterschied machen. Es scheint viel auf dem Spiel zu stehen und ihre Sorge um das Wohlergehen ihrer Kinder ist verständlicherweise gross, und doch kenne ich zahllose Beispiele, bei denen es schon gewirkt hat, die „natürlichen Konsequenzen“ zum Zuge kommen zu lassen oder einfach „etwas anders als sonst zu machen“.
 
Die speziellen Komponenten im Einsatz von Disziplin bei Kindern sind vielleicht anders als bei Jugendlichen, aber die allgemeinen Prinzipien können auch hier angewendet werden.
 
Theoretisch hört sich das gut an, aber…
Ich kann mir gut Leserinnen vorstellen, die denken: „Das hört sich theoretisch gut an, aber wir müssen uns um zehn schwierige Jugendliche kümmern und können uns den Luxus solcher kreativer Ansätze nicht leisten. Sollte es schwierig werden, können wir uns freuen, wenn wir einfach überleben.“
 
Ich habe nicht versprochen, dass es leicht sein würde, und die Auseinandersetzung mit Fehlverhalten und schwierigen Ausbrüchen ist selten leicht. Unser Ziel ist aber weiter gesteckt, als nur zu überleben. Unser Ziel ist, bei unserer Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen in unserer Einrichtung einen Unterschied zu bewirken. Das bedeutet nicht, uns müsste in jeder Situation irgendetwas ganz Ungewöhnliches einfallen. Oft werden wir mit Fehlverhalten in einer Weise umgehen, die sich nicht sehr von dem unterscheidet, was wir immer getan haben. Dieser Ansatz verlangt von uns nur, über Disziplin und Konsequenzen nachzudenken und sie als Bestandteil eines fortlaufenden Prozesses zu sehen, mit dem wir Kindern und Jugendlichen helfen wollen, neue mögliche Verhaltensweisen zu erleben und sich selbst allmählich in anderem Lichte zu sehen.
 
Wie alle Beispiele stammen aus tatsächlichen Projekten stationärer Einrichtungen, von denen einige es mit sehr schwierigen Bewohnerinnen zu tun haben. Ihnen allen ist die Entschlossenheit gemeinsam, sinnvoll auf das Verhalten einzugehen, statt nur intuitiv zu reagieren.
 
Keines der Beispiele und keine noch so grossartige Idee, die ihnen vielleicht einfallen mag, können aus ihrem Kontext herausgenommen werden. Anders auf eine Episode des Fehlverhaltens zu antworten, funktioniert nicht in Isolation. Die Antworten und Konsequenzen, die ich erwähnt habe, funktionieren nur, wenn sie Bestandteil dessen sind, wie die Mitarbeiterinnen insgesamt ihre Rolle sehen und über ihre Handlungen denken – wenn sie also Bestandteil eines allgemeinen „Klimas“ der stationären Einrichtung sind, die sich darum bemüht, die Gelegenheiten für neue Erfahrungen und Möglichkeiten zu maximieren.
 
 
Michael Durrant, Psychologe und Therapeut, Direktor Eastwood Family Therapy Centre, Sydney
Aus dem Buch: Auf diese Stärken kannst du bauen – Lösungenorientierte Arbeit in Heimen und anderen stationären Settings
 

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