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Pädagogischer Bezug (n. Herman Nohl)
Entstehung und Begriff des pädagogischen Bezuges bei Herman Nohl:
Insbesondere mit Blick auf die Begriffsbildung zum Phänomen zwischenmenschlicher Vorgänge im Erziehungs- und Bildungsprozess ist der Beitrag von Herman Nohl von richtungsweisender Bedeutung. Der von ihm gewählte Titel "Pädagogischer Bezug" gilt bis heute als Terminus technicus (vgl. Lee 1989).
Erste Gedanken zu einem spezifischen erzieherischen Verhältnis entwickelt Nohl schon 1914 im Aufsatz "Das Verhältnis der Generationen in der Pädagogik", der gleichsam als Antwort zu verstehen ist auf eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene "... Jugendbewegung (Wandervogel und Freideutsche Jugend), die den Anspruch erhoben hatte, dass die Jugend sich selbst organisieren und erziehen könne" (Giesecke 1997). Für Nohl bleibt, trotz des Eigenrechtes des Kindes und des Jugendlichen, ein erzieherisch relevantes Verhältnis zwischen den Generationen erforderlich. Viele Kenntnisse und Erfahrungen der heranwachsenden Generation gründen auf der unmittelbaren und persönlichen Begegnung mit der älteren Generation. „Im Verhältnis der beiden Generationen zueinander ist die eigentliche Grundlage der pädagogischen Arbeit gelegen weil nicht was sie lehrt, sondern eben dieses reale Verhältnis selber ihr tiefster Gehalt und ihre letzte Bedingung ist..." (vgl. Nohl 1929).
 
Den konkreten Begriff des Pädagogischen Bezuges taucht erstmals in den "Sozialpädagogischen Vorträgen" (vgl. Nohl 1927) aus den Jahren 1924 und 1925 auf, dabei jedoch noch ohne inhaltliche Präzisierung. In dem 1924 gehaltenen Vortrag "Die Pädagogik der Verwahrlosten" nennt Nohl neben Anlage und Milieu, den Pädagogischen Bezug als mögliche Ursache für Verwahrlosung.
 
In dem 1926 erschienen Aufsatz "Gedanken für die Erziehungstätigkeit des Einzelnen mit besonderer Berücksichtigung der Erfahrungen von Freud und Adler" verdichten sich Nohls Vorstellungen vom Pädagogischen Bezug. Hier erkennt er, ".. dass das letzte Geheimnis der pädagogischen Arbeit der richtige pädagogische Bezug ist, das heisst das eigene schöpferische Verhältnis, das Erzieher und Zögling verbindet" (vgl. Nohl 1927). Dieses auf Merkmalen wie Liebe, Vertrauen und Achtung aufbauende Verhältnis ist für Nohl die Voraussetzung jeder fruchtbaren pädagogischen Arbeit.
 
Der Pädagogische Bezug in der Sozialpädagogischen Arbeit heute:
Des deutschen Sozialpädagogen Hermann Nohl’s (1933) Grundformel „Nicht die Probleme, die der Jugendliche macht, sondern die die er hat, haben die Sozialpädagogik zu interessieren“, findet man oft als Grundlage zum Verständnis der Lebensweltorientierung-Theorie in der Sozialpädagogik. Nohl definierte den Begriff des Pädagogischen Bezugs und meinte damit, dass in der Entwicklungsdimension des Jugendalters eine pädagogische Aufforderungsstruktur enthalten sei. Diese richte sich sowohl an der Gleichaltrigen-, wie auch an der Erwachsenenperspektive aus. Viele Sozialpädagogen hätten die Erfahrung gemacht, dass sie von den Jugendlichen als Erwachsene gesucht werden, die die Jugendlichen in ihrer jugendkulturellen Eigenart verstehen und belassen können, ihnen allerdings trotzdem als zu respektierende Erwachsenen begegnen. Die Jugendlichen möchten sie an diesen Erwachsenen orientieren, beobachten und für sich übersetzen. Wie verhält sich der Sozialpädagoge in Konfliktsituationen? Gegenüber seinen Partnern? Welche Standpunkte bezieht er? Der pädagogische Bezug darf allerdings nicht fälschlich als Kumpelrolle zwischen dem Jugendlichen und dem Sozialpädagogen ausgelegt werden, sondern muss als professionelles und reflektiertes „Nähe und Distanz-Verhältnis“ verstanden werden. (vgl. Böhnisch, Rudolph, Wolf, 1998)
 
Die besondere pädagogische Entwicklungsgesetzlichkeit des Jugendalters bestehe darin, dass Jugendliche über ihre Jugend einen noch nicht gekannten, aber entwicklungsthematisch erahnten Erwachsenenstatus anstreben und dazu die eigenständige Jugendkultur sowie die Erwachsenen gleichermassen benötigen würden, so Nohls zentrale Aussage. (vgl. Böhnisch, 2001). Die Frage ist also, wie sich die Jugendlichen von der Erwachsenenwelt abgrenzen, allerdings auch wo sie die Erwachsenennormen teilen. Die für die Sozialpädagogik wichtige Erkenntnis daraus lautet, dass das Jugendalter immer gleichzeitig auf zwei Ebenen thematisiert werden muss: Auf der Ebene der Jugendkultur sowie auf der Ebene des Erwachsenwerdens.
 
Zusammenfassend noch mal die beiden wichtigsten Punkte des pädagogischen Bezugs:
- Auf emotionale Gegenseitigkeit gegründetes Verhältnis von Jugendlichen und Erwachsenen wird als Voraussetzung erachtet.
- Ambivalentes Verhältnis der Jugendlichen zur Erwachsenenwelt: Jugendliche orientieren sich hauptsächlich an der Gleichaltrigenkultur in mehr oder weniger radikaler Distanz zur Erwachsenengesellschaft. Gleichzeitig sind sie aber neugierig aufs Erwachsenwerden und „prüfen“ das Verhalten von Erwachsenen (vgl. Böhnisch, 2001).

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